Rund 750.000 Schüler wechseln jährlich von der Grundschule zur Gesamt-, Real- oder Hauptschule bzw. zum Gymnasium. Dieser Wechsel bedeutet für die Schüler die Bewältigung neuer Anforderungen beim Lernen, bei den geforderten Leistungen aber auch im sozialen Miteinander. Ein Wissenschaftlerteam unter der Leitung von Prof. Dr. Heinz-Günter Holtappels vom Institut für Schulentwicklungsforschung der Universität Dortmund hat jetzt erforscht, wie Schüler diese Situation bewältigen. Wichtig war den Wissenschaftlern, mit einer Längsschnittstudie zu erfassen, wie sich Emotionen, Motivation und Lernleistungen im weiteren Verlauf der Schulkarriere entwickeln. Aus diesem Grund wurde seit 2004 bei 1000 Dortmunder Viertklässlern per standardisiertem Fragebogen die individuellen Erwartungen an den Übergang und Anpassungsprozesse als Reaktion auf veränderte schulische Bedingungen untersucht.
Entgegen den bisherigen Vermutungen zeigen die Ergebnisse, dass beim weitaus größten Teil der Schüler am Ende der vierten Klasse die Vorfreude deutlich höher ausfällt als die Besorgnis – lediglich 7,7 Prozent aller Schüler machen sich in dieser Phase eher Sorgen um den Wechsel, als dass sie diesbezüglich Freude empfinden. Das Überwiegen der positiven Einstellungen konnten die Wissenschaftler dabei bei allen Schulstufen feststellen: während 4,7 Prozent der späteren Gymnasiasten eher sorgenvoll auf ihre schulische Zukunft schauen, weisen auch die Zahlen bei den späteren Hauptschülern – nur bei 11,7 Prozent überwiegt die Besorgnis – eine ähnlich Tendenz auf. Ein interessantes Einzelergebnis ist, dass 89 Prozent der Schüler erwarten, mit den Lehrern der weiterführenden Schule gut zurecht zu kommen. Hier bringen die Viertklässler also eine durchaus optimistische Grundhaltung mit, die von den Lehrern nicht enttäuscht werden sollte.
Zusätzlich zeigen die Ergebnisse, dass Hauptschüler nach dem Wechsel einen regelrechten „Kick“ erleben, im Vergleich der Schulformen steigt bei ihnen die Schulfreude am stärksten. Ihre Erwartungen werden also in vielen Fällen übertroffen, während die Gymnasiasten die wenigsten Überraschungen und die Gesamtschüler hingegen überdurchschnittlich viele negative Überraschungen erleben. Mit ihrer Studie konnten die Dortmunder Bildungsforscher aber auch feststellen, dass die Schulfreude von der fünften in die siebte Klasse von 1,81 auf 1,70 absinkt, wobei die Werte zwischen 1 (starke Schulunlust) bis 2 (hohe Schulfreude) differieren. Dieser Rückgang fällt jedoch deutlich geringer aus, als bislang vermutet wurde.
Was können nun Lehrkräfte unternehmen, um den Übergang in die weiterführende Schule optimal zu unterstützen? Dr. Stefanie van Ophuysen, Dipl.-Päd. Bea Harazd und Dipl.-Psych. Sina Schürer vom Projektteam raten Grundschullehrern, im Rahmen ihres Unterrichts ein möglichst realistisches Bild des Lebens an der weiterführenden Schule zu vermitteln. Auch Lehrer der weiterführenden Schulen können bereits im Vorfeld das Wissen der Schüler erhöhen und unklare Vorstellungen und die damit verbundene Unsicherheit abbauen. So könnten sie die Schüler in den Grundschulen besuchen und ihnen ihre weiterführende Schule vorstellen, einen Tag der offenen Tür anbieten oder individuelle Begrüßungsschreiben an die neuen Fünftklässler schreiben. Obwohl diese Maßnahmen an vielen Schulen bereits praktiziert werden, besteht aktuell noch ein Defizit in der systematischen Zusammenarbeit von Lehrern beider Schulstufen. Daher fehlt häufig das Wissen über Arbeitsweisen, Zielsetzungen und Einstellungen der Lehrer der jeweils anderen Schulstufe, das erforderlich wäre, um die Schüler angemessen auf die weiterführende Schule vorzubereiten bzw. auf der Sekundarschule aufzunehmen.
Gerade in der Anfangphase kann die weiterführende Schule viel dazu beitragen, negative Erwartungen zu dämpfen. So kann durch eine ausgedehnte Kennenlernphase oder eine frühe Klassenfahrt die Angst der Schüler, keine neuen Freunde zu finden, abgebaut werden. Und die von den Bildungsforschern festgestellte Angst vor älteren Schülern kann einerseits durch getrennte Räume und Schulhöfe für Unterstufen, andererseits durch Schüler- oder Klassenpatenschaften zwischen jüngeren und älteren Schülern reduziert werden. Gleichzeitig sollten die Lehrer der weiterführenden Schule auch die vielen optimistischen Erwartungen der Schüler und ihre Neugier auf die zahlreichen Veränderungen aufgreifen, um damit die positive Einstellung zur Schule als Ort des Lebens und Lernens längerfristig aufrecht zu erhalten.